Wir sprechen an dieser Stelle mit dem Autor Thomas Klaus, der seine Western unter dem Pseudonym „Timothy Kid“ veröffentlicht. Stellen Sie sich den Leserinnen und Lesern doch einmal kurz vor, Herr Klaus.

 

 

 

Geboren 1970 in Österreich, lebe ich heute in einer Kleinstadt in der Nähe von Wien. Zwei Dinge waren mir gleichsam in die Wiege gelegt: nein, nicht Tomahawk und Colt 45, wie die geneigte Leserschaft jetzt vermuten könnte, sondern die Leidenschaft fürs Lesen und Schreiben - meine Aufsätze wurden bis zur Reifeprüfung mit „Sehr gut“ beurteilt - und die Liebe zur Natur. Ersteres darf man bei einem Autor getrost voraussetzen, Zweiteres kommt auch in meinen Romanen zum Ausdruck, denn ein guter Western lebt immer auch von einer plastischen Schilderung der Landschaft.

 

 

 

Was fasziniert Sie speziell am Western?

 

 

 

Die Kombination von Abenteuer, Wildnis und einem Helden, der für Freiheit und Gerechtigkeit kämpft - das alles eingebettet in einen historischen Rahmen, der den meisten von uns irgendwie vertraut ist. Das gibt es in dieser Form nur beim Western.

 

 

 

Sie haben Western geschrieben, die teilweise auch auf historischen Begebenheiten beruhen. Ist der Western Ihr favorisiertes Genre?

 

 

 

Grundsätzlich bin ich ein Anhänger des literarischen Eskapismus: Lesen dient der Unterhaltung, und Unterhaltung heißt Ablenkung von der Wirklichkeit - Eintauchen in eine Scheinwelt, die einen für ein paar Stunden alles andere vergessen lässt. Erreicht wird das durch Konstruktion von Konflikten und Konfliktlösungen, die es so in der Realität nicht gibt, vorangetrieben durch Charaktere, die in dieser Form ebenfalls nicht existieren.

 

Vor diesem Hintergrund faszinieren mich alle Genres, die mit dem Alltagsleben eines Durchschnittsmenschen des 21. Jahrhunderts nur wenig gemeinsam haben, also Western, aber auch Horror und Urban Fantasy oder historische Romane.

 

 

 

Wie ist Ihre Arbeitsweise? Wie gehen Sie an ein bestimmtes Thema heran?

 

 

 

Zunächst geistert eine Zeit lang eine Grundidee in meinem Kopf herum, die sich mehr und mehr verdichtet. Gleichzeitig nimmt auch das Umfeld der Geschichte Form an. Ein Western im Süden Arizonas spielt vor einer gänzlich anderen Landschaftskulisse als ein Western im nördlichen Montana und erzeugt folglich eine völlig andere Atmosphäre. Sollen Indianer eine Rolle spielen, welche Namen bekommen der Protagonist und sein Gegner, usw. Sobald das gedankliche Grundgerüst steht, beginne ich zu schreiben. Das grobe Konzept der Handlung steht bereits zu Beginn fest, welche Wendungen die Geschichte genau nimmt, ergibt sich während des Schreibens. Jeweils nach ein paar Seiten erfolgt eine stilistische Korrektur.

 

 

 

Sie waren vor mehr als 10 Jahren Außenlektor für die Romanheft-Reihe WESTERN-LEGENDEN. Rückblickend gesehen - wie empfanden Sie damals diese Aufgabe? Die WESTERN-LEGENDEN gelten auch heute noch als „letzte“ neue Westernreihe mit historischem Hintergrund, die in einem Heftromanverlag erschienen ist.

 

 

 

Unabhängig vom historischen Hintergrund, sind die „Western-Legenden“ bis dato überhaupt die letzte Heftreihe, in der klassische Western erstveröffentlicht wurden - also Romane ohne Serienhelden und obligate Erotik, geschrieben von mehreren Autoren. Dass ich die Reihe damals als Lektor übernehmen durfte, erfüllte mich schon mit Stolz, denn die Grundlage für diese Entscheidung des Verlages waren ja meine bis zu diesem Zeitpunkt verfassten Romane. Interessant war vor allem der direkte Einblick in die Werke der unterschiedlichen Autoren, denn das, was veröffentlicht wird, weicht mitunter doch vom Originaltext ab. Überrascht war ich vom administrativen Aufwand, der mit dem Lektorat einer Heftromanreihe einhergeht. Dass sich die Reihe schlussendlich nicht behaupten konnte, war natürlich eine Enttäuschung, aber bis auf wenige Ausnahmen verschwindet irgendwann jede Romanreihe in die Ewigen Jagdgründe. Allerdings genießen die „Western-Legenden“ unter Western-Fans mittlerweile Kultstatus, und dazu als Autor und Lektor einen Beitrag geleistet zu haben, vermittelt schon einen Hauch Nostalgie. Völlig verschwunden sind die Romane übrigens nicht, die meisten gibt es mittlerweile als E-Books bei der Edition Bärenklau, sie wurden sozusagen in die literarische Gegenwart gerettet.

 

 

 

Wie sehen Sie die Chance für das Westerngenre bei einer jüngeren Lesergeneration? Was muss man tun, um den Western einem neuen Publikum nahezubringen?

 

 

 

Die jüngere Lesergeneration zeigt ein stark vermindertes Interesse am Western, was an zweierlei liegt. Einerseits ist die Konkurrenz für das gedruckte Wort heute ungleich größer als in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, der Blütezeit des Westerns. Damals gab es drei Fernsehprogramme und das Kino; wer mehr Unterhaltung wollte, griff zwangsläufig zu Romanen. Heute haben wir die kaum noch überschaubare Vielfalt der elektronischen Unterhaltungsmedien, von Privatfernsehen über DVDs bis zu Computerspielen, neben denen sich die Belletristik behaupten muss.

 

Das betrifft prinzipiell alle Genres klassischer Unterhaltung, beim Western kommt allerdings hinzu, dass kein anderes Genre in seinen Grenzen so beschränkt ist. Da gibt es zunächst die knappe Zeitspanne zwischen 1860 und 1890 und außerdem ein begrenztes regionales Umfeld - der mittlere Westen der Vereinigten Staaten zu dieser Zeit. Vor diesem Hintergrund werden die wichtigsten Themen und Charaktere behandelt, die bei der Erschließung des Landes eine Rolle spielen, etwa Indianerkriege, Revolverhelden, Sheriffs gegen Banditen oder Weidefehden. Wer im Western kämpft, der greift eben zum Colt, und wer weite Distanzen überwinden will, setzt sich auf ein Pferd, da kann nichts modernisiert werden. Allerdings gab es immer wieder erfolgreiche Versuche, dem Western ein neues Gesicht zu geben, etwa die Italo-Western mit ihrer Figur des „Negativen Helden.“ In jüngerer Vergangenheit sind in diesem Zusammenhang Filme wie „The Revenant - Der Rückkehrer“ mit Leonardo DiCaprio zu erwähnen, der den Überlebenskampf eines Trappers in der Wildnis der 1820er zeigt - quasi ein „Frühwestern“ - oder „The Hateful Eight“ von Quentin Tarantino, eine Art Kammerspiel vor einer Winterkulisse. Derartige innovative Ansätze können auch dem geschriebenen Western wieder neuen Schwung verleihen, es müssen nicht immer die wortkargen Rivalen sein, die einander mit gezückten Colts gegenübertreten.

 

Wer meine Romane genau liest, wird übrigens feststellen, dass sie in einem Punkt von der klassischen Wildwest-Erzählung abweichen: Mann und Frau handeln weitgehend gleichberechtigt, beide Geschlechter greifen aktiv ins Geschehen ein. Die Rolle der Frau wird nicht darauf beschränkt, um den Helden zu bangen oder auf ihre Rettung zu warten, sondern sie kann auch reiten und schießen - und schlüpft gegebenenfalls in die Rolle des skrupellosen und kaltblütigen Bösewichts. Gibt’s eigentlich eine weibliche Form für Bösewicht?

 

 

 

Wenn es noch etwas zu sagen gibt, dann wäre hier und jetzt die Gelegenheit dazu.

 

 

 

Dieser Saloon ist zu klein für uns beide - ich werde wieder gehen…