Literatur-Agentur

Karin Welters

Inka Ittermann im Interview mit Malte S.Sembten

 

 

Interview mit Malte S. Sembten

 

Malte S. Sembten, JG 1965, veröffentlicht seit über 25 Jahren unheimliche Literatur. Anfangs erschienen seine Erzählungen in Fanzines, später in Magazinen und Anthologien kleiner und großer Verlage. Die meisten der Geschichten liegen gesammelt in mehreren Erzählbänden vor. Jüngst kam in der Edition Bärenklau die Storysammlung 6 Spielarten des Todes heraus. Sembten ist auch als Übersetzer tätig. Die Arbeit als Illustrator hat der ausgebildete Grafiker weitestgehend eingestellt. Die begleitend zum Interview gezeigten Zeichnungen stammen von der Homepage des Autors (die leider derzeit nicht ganz aktuell ist): www.mssembten.de

 

Die Fragen stellte Inka Mareila für die Edition Bärenklau.

 

Inka: Mich würde interessieren, inwieweit es Deinen eigenen Stil beeinflusst, wenn Du zum Beispiel fremde Texte übersetzt. Sicher ist es bereichernd, kann es aber auch Zerstreuung bedeuten, die sich negativ auf Deine eigenen Arbeiten auswirkt?

 

Malte: Ich glaube, dass Übersetzen die eigene schriftliche Ausdrucksfähigkeit schult. Vor allem, wenn man stilistisch versierte Autoren übersetzt. Auf jeden Fall ist es meistens schwieriger, fremde Gedanken und Bilder in Worte zu fassen als eigene. Man lernt dabei.

 

Inka: Was, glaubst Du, ist bisher das Beste, was aus Deiner Feder geflossen ist? Nenne uns das Werk von Dir, dass jeder angehende Malte-Fan auf jeden Fall gelesen haben muss und warum?

 

Malte: Ein Autor ist selten gut darin, die eigenen Hervorbringungen zu beurteilen. Aber wenn man nach der Reaktion von Lesern und Kritikern geht, sind meine Erzählungen ›Blind Date‹ (1996) und ›Gott der Tränen‹ (2014) besonders beliebt. Eben deshalb würde ich sie wohl auch als Einstieg empfehlen. Oder, wenn’s etwas mehr sein darf, meine Best-of-Kollektion Maskenhandlungen – die besten Horrorgeschichten von Malte S. Sembten, hrsg. von Hardy Kettlitz, erschienen im Golkonda Verlag. Darin ist auch ›Blind Date‹ enthalten.

 

Inka: Was glaubst Du, sind die Voraussetzungen, um ein Meister im Handwerk der Schriftstellerei werden zu können? Womit kannst Du angehenden Autoren Mut machen, denen zwar das Selbstvertrauen, aber nicht das Talent fehlt?

 

Malte: Künstlerisches Können ist nichts, das man sich beim One-Night-Stand mit der erwählten Muse „einfängt“. 10% Genie und 90% Fleiß, so heißt es, machen in der Kunst den Könner aus. Was man braucht, sind also viel Übung und Beharrlichkeit … Fleiß und Disziplin. Mir selbst mangelt es daran, was wahrscheinlich erklärt, warum ich zwar seit meinem fünfzehnten Lebensjahr Geschichten schreibe, aber erst mit dreißig eine Story an einen großen Verlag verkaufen konnte. Und warum ich noch keinen „richtigen“ Roman fabriziert habe.

 

Inka: Brandaktuell ist ja Dein Titel 6 Spielarten des Todes, der im Bärenklau Verlag erschienen ist, Deine insgesamt siebte Storysammlung … 

 

Malte: Genau genommen fallen die Spielarten unter meinen Storysammlungen etwas aus der Reihe. Zum einen ist Bärenklau ein auf E-Bücher spezialisierter Verlag. Insofern sind die Spielarten meine erste E-Buch-Originalveröffentlichung, auch wenn es begleitend bei Amazon eine CreateSpace-Druckausgabe gibt. Diese Exemplare werden aber rein „on demand“ produziert und geliefert. Außerdem enthalten meine „regulären“ Storykollektionen nur Geschichten, die vorher in Magazinen und Anthologien erschienen sind; es gibt keine Überschneidungen zwischen den einzelnen Kollektionen (die Best-of-Sammlung natürlich ausgenommen). 6 Spielarten des Todes enthält demgegenüber drei Geschichten aus meiner allerersten Kollektion, Hippokratische Gesichter, die aber schon lange vergriffen ist, eine aus meiner dritten Kollektion (überarbeitet und unter neuem Titel) und zwei verstreut erschienene und hier erstmals gesammelte Erzählungen, darunter meine „Weird Western“-Novelle Wanted for Hell.

Nach der Wiederveröffentlichung meines Kurzromans Die Handgranate Gottes aus der Murphy-Reihe nach fast zwanzig Jahren sind die Spielarten meine zweite Zusammenarbeit mit Bärenklau.

 

Inka: Beim Stichwort „Weird Western“: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du jemals Mainstream produzierst. Was stößt Dich davon und von seichter, „rosaroter“ Literatur ab?

 

Malte: „Mainstream“ muss ja nicht seicht oder gar rosarot sein. Aber selbst Rosamunde Pilcher stößt mich nicht ab, ich lese nur ihre Bücher nicht.

Auch das Krimi-Genre ist Mainstream. Es ist so beliebt, dass es immer mehr in Sub- oder gar Sub-Sub-Genres diversifiziert wird, z.B. in Regionalkrimis oder kulinarische Krimis. Ich habe schon kulinarische Regionalkrimis für Anthologien geschrieben, weil die bei Verlagen, die Honorare zahlen, gefragter sind als Horrorgeschichten. Allerdings sind auch meine Krimis eher blutrot als rosarot.

 

Inka: Auf was in Deiner Karriere hättest Du gerne verzichtet? Gab es da eine große Enttäuschung oder weißt Du von unbekannten Fallen im Autorenbusiness, vor denen Du andere Autoren gerne warnen möchtest? Vielleicht gibt es da etwas, was über kurz oder lang unweigerlich zu einer Schreibblockade führt …

 

Malte: Die Warnung, die ich ausgeben kann, ist nicht neu: Hütet euch vor sogenannten Druckkostenzuschuss-Verlagen! Ein Autor muss, vor allem zu Beginn der Karriere, kein Geld einnehmen, wenn er etwas veröffentlicht … aber auf gar keinen Fall darf er Geld bezahlen, um veröffentlicht zu werden. Einem Autor, der dafür bezahlen muss, dass man sein Zeug druckt, dem unterstellt man auch, dass er bezahlen muss, damit man sein Zeug liest. Zum Glück bin ich selbst nie einem Druckkostenzuschuss-Verlag auf den Leim gegangen.
Zweiter Tipp: Heute sind selbst Verlagsverträge für Kurzgeschichten, die im Verlagsauftrag geschrieben werden, oft länger als die Geschichte selbst, und es ist ermüdend, einen solchen Paragraphenwust aufmerksam zu lesen. Tut es dennoch! Und achtet vor allem auf die Laufzeit. Weil die Verträge heute fast immer auch für E-Bücher gelten, und weil E-Bücher nie ausverkauft sind, räumen die Verlage sich die Rechte an Auftragsarbeiten gerne pro forma für die Dauer des gesetzlichen Urheberschutzes ein, das sind volle siebzig Jahre. Wer das unterschreibt, hat das Nachsehen. Aber in der Regel zeigen sich die Verlage entgegenkommend und sind problemlos bereit, die Laufzeit nachzuverhandeln und eine faire Nutzungsfrist zu vereinbaren.

 

Inka: Du verfasst Novellen und Serienromane mit der „Discovery“-Methode. Das spricht für Deine Gabe, frei in Welten abtauchen zu können, starke Charaktere leben zu lassen und auch ein großes Stück Kontrolle an deine Protagonisten abzugeben. Was hat Deine (Lieblings-)Art, Geschichten zu verfassen, mit dem Menschen Malte S. Sembten zu tun, wenn er nicht schreibt? Wie spiegelt sich Deine Art zu schreiben in Deiner Person wieder?

 

Malte: Ein „Discovery-Writer“ zu sein bedeutet, mehr oder weniger drauflos zu schreiben und sich von der Geschichte leiten zu lassen. Hinter den Wegbiegungen erblickt man Neues, Unbekanntes, das zum Weitergehen in diese oder jene Richtung verlockt. Das funktioniert bei mir fast immer, hie und da sogar bei Pointenstorys. Sehr selten nur bleibe ich in einer Geschichte stecken und gebe auf.

Die Serienromane, die ich für den Zaubermond-Verlag verfasse, schreibe ich allerdings nicht nach der Discovery-Methode, sondern nach einem Exposee, das mir geliefert wird.

Persönlich bin ich jedoch kein Discovery-Typ. Mein Leben verläuft in ziemlich geregelten Bahnen. Ich bin kein spontaner Mensch, und auch nicht sehr abenteuerlustig. Z.B. sind mir Überraschungsbesuche ein Gräuel … wenn völlig unangekündigt Freunde vor der Türe stehen und mich überfallen oder – noch schlimmer – mich irgendwohin mitschleppen wollen.

 

Inka: Ich möchte auch ein Thema nicht auslassen, das zur Zeit in aller Munde ist: die Flüchtlingskrise. Aber auch die Worte „Lügenpresse“ und „Unrechtsherrschaft“ treibt viele um. In den sozialen Netzwerken erkennt man eine deutliche Bewegung, die Meinungen scheinen wie die beiden Klingen einer Schere immer weiter auseinanderzudriften, mehr und mehr Gruppen bilden sich, viele sehen nur noch schwarz oder weiß. Heinrich Heine sagte einst: „Ich möchte gern meine Feinde lieben; aber ich kann sie nicht lieben, ehe ich mich an ihnen gerächt habe – dann erst öffnet sich ihnen mein Herz. Solange man sich nicht gerächt, bleibt immer eine Bitterkeit im Herzen zurück." Was sich für viele „böse“ anhört, scheint aber inzwischen auf einige zuzutreffen, die das auch unterschreiben würden, zumindest verbal. Angesichts der aktuellen politischen Lage, wie glaubst Du, wird sich die Situation in unserem Land weiterentwickeln?

 

Malte: Ich bin ein meinungsfreudiger Mensch, auch in der Politik. Aber ich trenne beides – das Meinen und das Schreiben – voneinander. Es gibt den französischen Begriff der littérature engagée, und zweifellos gibt es Literaten von Weltrang, die mit ihren Werken auch politische oder soziale Anliegen an den Leser herangetragen haben. Charles Dickens ist eines der bekanntesten Beispiele.  Aber das deutsche Wort für  littérature engagée lautet weniger wohlklingend „Tendenzliteratur“. Würde ich in meinen Horrorgeschichten politische Ansichten an den Mann bringen wollen, käme Propaganda heraus, und das wäre gruselig … aber anders, als von mir gewollt.

Daher im Autoren-Interview zur politischen Lage nur so viel: In die Zukunft blicke ich mit wenig Optimismus.
Das Heine-Zitat ist mir bekannt, und ich liebe es. Es ist so schön fies. Vor allem aber bin ich ein Fan von Rache-Geschichten. Ich liebe Filme wie die Deathwish-Reihe (Ein Mann sieht rot) oder Die Fremde in dir mit Jody Foster. Oder Rache-Western. Und ich liebe Rachestorys zwischen Buchdeckeln. Natürlich habe ich selbst auch schon blutige Rache geübt … auf dem Papier. Eine meiner frühesten Rachegeschichten heißt „Ausgeliefert“, die ist auch in der Kollektion 6 Spielarten des Todes enthalten. Neueren Datums ist meine Rache-Novelle Der Behüter, die als E-Buch und Hörbuch in der Reihe „Horror Factory“ von Bastei Entertainment erschienen ist.

 

Inka: Woran arbeitest Du derzeit? Kannst Du uns den Mund bitte wässrig machen? ;)

 

Malte: Derzeit übersetze ich weiterhin Erzählungen und Essays für die Clark Ashton Smith-Gesamtausgabe des Festa-Verlags. Zugleich bereite ich meine neue Erzählsammlung vor, die unter dem Titel Ganz vorne, wo man alles sieht in der Edition Medusenblut erscheinen soll.

 

Inka: Warum liebst Du Dein Leben – was genießt Du besonders? Und zum Schluss würde ich gerne Dein Lebensmotto erfahren, Deine Antriebskraft …

 

Malte: Meine Devise lautet: Rache ist ein Gericht, das wird am besten kalt genossen. Nein, im Ernst … Vielleicht ganz banal: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Eine praktische Maxime für’s gedeihliche Zusammenleben.

Was ich besonders genießen kann? Essen, das mir schmeckt, und behaglich zu dösen, während mir ein Sonnenstrahl den Bauch wärmt.
Da ich leider ziemlich antriebsschwach bin, manchmal bis zur Frustration, wüsste ich gerne, wo man Antriebskraft tankt!

 

Vielen Dank für Deine Zeit, lieber Malte, und ich wünsche Dir für Deinen Weg weiterhin jeden Erfolg!

 

THX & war mir eine Freude & dasselbe für Dich!